Ein grauer Tag in Kapstadt, eine Beobachtung
Es war einer jener wolkenverhangenen Wintertage am Kap der Guten Hoffnung, die einem Touristen ganz untypsich erscheinen mögen, da die Hochglanzfotos in den Katalogen einem leicht einen ganzjährigen Sommer im Süden Afrikas vorgaukeln. Meist erst auf kritisches Nachhaken geben die Urlaubsberaterinnen hinter den breiten Tischen der Reiseagenturen zögernd Auskunft über die möglichen Temperaturstürze.
So sah sich auch jene deutsche Touristin um ihren Urlaub betrogen, die am Nachbartisch des Hafenlokals laut ihren Unmut über klamme, salzige Luft kund tat. Ihr schmächtiger Begleiter zog ein unglückliches Gesicht. Verlegen rückte er sich die Brille zu Recht während er entschuldigend durch die dicken Gläser zu den anderen Gästen hinüberschielte.
Ein apart gekleideter Kellner überzeugte die Dame dann schließlich davon, dass die Sicht auch im Inneren des Cafés durch die Glasfront hindurch ganz vortrefflich sei und die kleine Gesellschaft der Wettertrotzenden genoss die wiedereinkehrende Ruhe.
Auf den runden Terrassentischchen dampften heiße Getränke. Würziger Geruch von Rotbuschtee und Mokka erhob sich in flauen Schwaden in der Luft, verteilte, vermischte sich und verlor sich schließlich vor dem bleiern ruhenden Ozean in der Luft. Draußen am Horizont, lag die ehemalige Gefängnisinsel Robben Island, unbeweglich allen Gezeiten des Meeres und allen Stürmen der Geschichte standhaltend. Wie ein Mahnmal schien das Eiland den Besucher, eingenommen von dem Charme der Waterfront, dazu anzuhalten nicht die andere Seite des Landes zu vergessen. Zu leicht will sie einem inmitten des Trubels und des Frohsinns aus bunt gekleideten Straßenmusikern und lachenden Souvenirverkäufern entfallen.
Töricht wie Verliebte, betört von kehligen Gesängen und frohen Rhythmen ignoriert man gerne, dass etwas anderes existiert als die adrett hergerichtete Fußgängerzonen zwischen cremefarben getünchten Kolonialgebäuden.
So schien auch die Urlauberin, einmal aus der Kälte heraus, über ihre Gereiztheit hinwegzukommen, versöhnt von dem Blick auf das in schweren beruhigend gemalten Farben Meeres. Verstummt saß sie, leicht von ihrem Gegenüber abgewendet, im hellgepolsterten Korbsessel und nippte nachdenklich an ihrer Porzellantasse.
Gefolgt von ihrem Gefährten verließ sie schließlich mit hellerer Miene das Portcafé und ließ sich nun beim Erblicken einer Akrobatikgruppe beinahe von Übermut befallen. Die drahtigen jungen Männer die dort mit nackten sehnigen Oberkörpern mit Feuer spielten und sich synchron auf den scharfen Befehl ihres Anführers im Flickflack über brennende Stäbe katapultierten hatten binnen Kürze ein großes Publikum um sich gescharrt. Raunend gaben die Schaulustigen ihrem Erstaunen und ihrer Bewunderung Ausdruck doch gleichzeitig blieben sie auf sicherer Distanz. Der militärische Ton des narbengesichtigen Trainers und die die bis in die letzte Sehne gespannten Muskeln der Artisten erfüllte die Menge mit einer gewissen Scheu, ganz so als ob sie befürchteten die Truppe könnte sich plötzlich gegen sie wenden.
Mehr als einmal zuckte unsere Urlauberin zusammen als sie der abschätzigen Blick des Trainers traf wenn sie an unpassender Stelle ihrer Begeisterung Ausdruck gab.
Schließlich ließ sie sich von ihrem Kumpan, der zaghaft an ihrem Ärmel zupfte um sie zum Weitergehen zu bewegen, fortziehen. Sie verließen den Hafen um sich entlang der geraden „Greenpointstraße“ auf dem Weg zurück zum Hotel zu machen.
Bald schon war die Gruppe Bettler in Sichtweite, die wie gewöhnlich auf dem Randstreifen an der Kreuzung um ein Blechfass versammelt waren, sich wärmend an den lodernden Flammen die gesammeltes Sperrholz und Pappplakate verschlungen.
Das Pärchen hatte dem Augenschein nach ganz unerwartet ein interessantes Gesprächsthema gefunden; die Köpfe einander zugewendet schienen sie die Almosenbittenden nicht zu sehen.
Je näher sie der Kreuzung kamen umso angeregter begleiteten sie ihr Gespräch mit lebhaften Gesten.
Ein Alter Mann streckte seine knöchernen Hände in Richtung der Diskutierenden, seine Lippen formten bittende Worte.
Doch sie schienen sich in dem leeren Raum zwischen Fragendem und Gefragten zu verlieren. Ihr Klang schwächte sich mit jedem Zentimeter von Mund zu Ohr ab und die beiden Urlauber haben wohl wenn überhaupt nur ein einheitliches, geisterhaftes Murmeln gehört, an das man sich in Südafrika schnell gewöhnt, es bald ausblendet und die Augen an den majestätischen Tafelberg heftet der alles Traurige stolz überragt.
Nur kurz, unbeteiligt richteten sich die gräulichen Augen der Urlauberin auf die Bittsteller, während ihnen ihr Begleiter der Unterhaltung wegen den Rücken zuwendet.
Ihr Blick wirkte entrückt, ganz so wie die Miene, die man einer dunklen Wolke hinterherschickt, darauf hoffend sie möge sich nicht nähern.
Als sie schließlich die Kreuzung passiert hatten, hob sie mit einem tiefen Atemzug ihre Schultern und das Gespräch der beiden verstummte nach einigen emotionslosen Kommentaren.
Sie überquerten schweigend die mehrspurige Straße, als sich von hinten plötzlich eine humpelnde junge Frau näherte. Sie hatte ein Baby in einem bunt gemusterten Tuch auf den Rücken gebunden und ihr Gang wirkt hektisch, versucht sie doch trotz Laufschwierigkeiten das Pärchen einzuholen.
Auf einer Verkehrsinsel erreichte sie die Beiden. Ungelenkig, steif legte sie der Urlauberin schließlich die Hand auf die Schulter. Diese zuckte zusammen, wollte schon einen empörten Ruf ausstoßen als sich ihr Blick mit dem der Mutter kreuzte.
In dem narbenübersähtem Gesich ließen nur die glatten Schläfen nebst den tief schimmernden Augen lassen auf ihr junges Alter schließen.
Sie setzte zu sprechen an, stockte kurz blickte in das bleiche Gesicht der Fremden. Die Urlauberin hatte inmitten ihrer automatischen, abwehrenden Geste inne gehalten, so als ob das Erblicken der dunklen, starren Hand die die Mutter steif über dem Band des Tragetuchs auf ihrer Brust ruhen ließ ihr jegliche Worte genommen hätte. Geschwollenene Schnitte zogen sich durch die verkrustete Haut, die über den spitzen Knochen der Hand gespannt war.
Die Touristin brauchte eine Weile um ihren Blick von der unansehnlichen Wunde zu lösen, schaute dann der Mutter direkt in die Augen, schien eine Frage zu formulieren.
Ermutigt fing die Angesprochene darauf hin an zu erzählen. Gelegentlich deutete sie mit ihrer starren Hand in den Himmel, warf dann einen liebevollen Blick über die Schulter zu ihrem Kind, das selig an ihren Rücken gekuschelt schlummerte. Mehrere Ampelphasen vergingen. Es wird grün, gelb und wieder rot. Autos rasten vorbei, aus Minibussen heraus riefen Jugendliche die Zielorte der Vehikel auf, gelegentlich bremste einer zu scharf vor dem umspringenden Licht und von Zeit zu Zeit streifte das seltsame Grüppchen auf der Verkehrsinsel ein neugieriger Blick.
Und wieder wurde es grün, doch unsere Urlauber machten keinerlei Anstalten die Erzählung der jungen Mutter zu unterbrechen während ihre Gesichtzüge sich langsam erweichten.
Die Erzählende hält sich gerade, zeigt kaum eine Regung bis sie schließlich verstummt und die in sauberen, beigen Safarihosen gekleidete Zuhörerin in den Arm nahm.
Unvermutet wurde sie von dieser nicht zurückgewiesen sondern in einer langen stillen Umarmung festgehalten. Ein paar stumme Tränen lösen sich darauf aus ihren schwarzen Augen und liefen über das raue unebene Gesicht.
Das Kind ist aufgewacht und schaut nun groß in das fremde weiße Gesicht, das ihm dort auf die Schulter seiner Mutter gelegt entgegenblickt. Beide Augenpaare schimmern unergründlich spiegeln sich für einen kurzen Moment unter dem selben grauen Wolkenlicht ineinander wieder.

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