Was wohl die Leute in Afgahnistan machen wenn wir Weihnachten feiern… (irgendwo in der Luft über dem Atlantik)

Mit prüfendem Blick gehe ich die Nummertäfelchen unter den Verstaufächern ab und nehme meinen Platz an einem der runden Bullaugen ein, durch dass sich der mächtige Flügel des Stahlvogels schräg neben mir sehen lässt. Voll freudiger Erwartung auf das Abheben, den Beginn der Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, blicke ich auf die graue Rollbahn und die dahinter liegenden kargen Winterfelder Stuttgarts. Elf lange Flugstunden warten auf mich und schon jetzt scheint mir die Reisezeit ob meines Lampenfiebers quälend lang.

Ich beobachte nun die Gesichter der zusteigenden Passagiere. Mir die Zeit mit Mutmaßungen darüber vertreibend, wer denn wohl mein Sitznachbar werden würde.

Schließlich steuert ein junger, fremdländisch aussehender Mann meine Sitzreihe an, vergewissert sich mit einem Blick auf sein Ticket über die Platznummer, nickt mir grüßend zu und setzt sich.

Ich bin erleichtert weder einen für Zerstreuung und Zeitvertreib untauglichen Rentner mit röchelndem Raucherhusten neben mir sitzen zu haben, noch einen augenfällig überzeugten Mac Donald’s –Esser.

Sogleich beschließe ich meinen Nachbar auf seine Unterhaltungstauglichkeit zu testen und verwickele ihn in eines dieser umstritten-sinnfreien Kennenlerngespräche.

Marcus heißt er und ist 19 Jahre alt. Wie erwachsen ich mir doch dann gleich vorkomme mit dem einen Jährchen Altersunterschied, der eine zwei in den Zehner zaubert.

Die Smalltalkthemen sind schnell abgehakt und so bin ich noch vor dem Abheben darüber informiert, dass er mexikanischer Herkunft ist und seit seinem zweiten Lebensjahr in Los Angeles lebt. In Deutschland, erzählt er, wäre er mit seiner Einheit zwischenstationiert gewesen und wolle nun seine Eltern mit einem unangekündigten Weihnachtsbesuch überraschen.

In der Zwischenzeit, während wir belanglos plaudern, ist unsere Maschine zur Startbahn gerollt. Still genieße ich die Minuten in denen das Flugzeug beschleunigt, immer schneller werdend über die Piste donnernd bis ein froher Hüpfer meines Magens mir mitteilt, dass wir nun die Schwerkraft überlistet haben. Wir befinden uns in der Luft, auf dem Weg nach Amerika.

Unter mir entfernt sich der Boden meiner Heimat, die Gebäude schrumpfen auf Puppenhausgröße und Flüsse, Straßen, Felder scheinen wie der Spielteppich eines Kinderzimmers.

„Tambien hablo espanol“ packe ich dann die Gelegenheit beim Schopf mein brüchiges Spanisch zu üben. „Und isch ein bischchen deitsch, jaja“ prahlt er mit weichem amerikanischen Akzent und lässt ein verschmitztes Lachen folgen.

Die englische Sprache bleibt für eine Weile außer Acht und die Zeit bis zum Start des Unterhaltungsprogramems der kleinen Bildschirme in den Rückenlehnen der Vordersitze vertreiben wir uns mit blödsinnigem deutsch-spanischen Kauderwelsch. „Eine Bier bitten, mit Schnitzel“. „Huevon, no mames, mamacita rrrica, como te llamas? „Stinkende Stiefel“ “ albern wir.

Dann schaltenden sich die Monitore an und gemeinsam einigen wir uns denselben Film anzuschauen. Shrek, der grüne Oger, mit seinen Kumpanen, dem einfältigen Esel und dem rassigen, gestiefelten Kater scheinen gerade richtig für unsere ulkig-anspruchslose Stimmung.

Immer lächelnde Stewardessen kümmern sich um das leibliche Wohl von uns Passagieren und servieren Mikrowellenessen mit einem gesäuselten „Guten Appetit“, während von draußen das monotone Summen der Turbinen in beharrlicher Gleichförmigkeit ertönt.

Die Stunden vergehen nur langsam und durchs Fluggastdasein zur Passivität verdonnert, scheint sich die Zeit bis zum Zielort in eine unzergliederte Ewigkeit zu dehnen. An Schlaf ist nicht zu denken, Film haben wir auch schon geschaut und uns ist langweilig, so langweilig.

Flache Witze und dumme Sprüche halten uns bei Stimmung.

„eres una nina mala“ provoziert er mich schelmisch grinsend. „Na du weißt gar nicht wie böse ich werden kann“ erwidere ich und fordere ihn zum Armdrücken heraus. Schmunzelnd beobachtet das Rentnerehepaar in den Sitzen neben uns den ungleichen Kampf. Armymuskeln gegen einen Arm, dessen einziges Training das Führen eines Kugelschreibers ist. Der Kampf um die Lehne ist schnell verloren. Doch Achtung, ich habe meine Mädelstricks noch nicht ausgespielt, -Kitzelattacken, gespieltes Beleidigtsein. Glitzernde Augen und Lachanfälle folgen.

Erhitzt von der Ausgelassenheit, des Schabernacks müde, handeln wir schließlich einen Waffenstillstand aus. Als Marcus sich seines dunkelblauen Pullovers entledigt entdecke ich auf seinem kraftstrotzenden Oberarm eine Tätowierung.

Ein Adler triumphiert dort wie auf einem Thron am nördlichen Wendepunkt der von einem Anker durchbohrten Welt. Das Wappen der US-Marines.

Filigran sind die Linien des amerikanischen Kontinents ausgearbeitet und ich entdecke die Initialen vierer Namen auf dem Territorium der USA.

Fragend blicke ich ihn an und bereitwillig erzählt er mir, dass er sich das mit zwei weiteren Soldaten seiner Einheit hat stechen lassen. Im Andenken an Diego, einen tapferen Kameraden, der während ihres Afghanistaneinsatzes gefallen war. „Para la patria“, fürs Vaterland, fügt er noch mit ernster Stimme hinzu.

Mit dem Thema hat sein Gesicht den Ausdruck gewechselt. Die Augen zusammengekniffen scheint er durch mich hindurch zu blicken, während er inbrünstig Reden schwingt. Instinktiv rücke ich ein bisschen ab von ihm, erschrocken vor dem Marcus der sich mir auf einmal zeigt.

Vorsichtig frage ich ihn nach seiner Meinung über diesen Krieg und diesmal antwortet er mir auf Englisch: „I’m a soldier, I don’t make the politics, I fight!“

Ich fühle, dass der scharfe Ton seiner Stimme mich in meine Schranken weisen soll. Er scheint schon jetzt eine Warnung zu beinhalten keine Kritik, keine Zweifel zu äußern.

„To keep my country safe and free“.

Seine Augen leuchten selbstsicher. „I finally can accomplish everything“ „For the first time I can buy christmas presents from my own money. The new curtains my mum wanted for so long…“ Sein Gesicht wird weicher als er von seiner Mutter spricht und er hält einen Moment inne bevor er weiter spricht.

„She’s happy I’m not like the other kids in my neighbourhood…getting into drugs and street fights all the time.”

Bei den Marines, da gehe es um ganz andere Dinge. „ You know“, er blickt mich drurchdringend an „Like Honor, Courage and Commitment“.

Ich schweige nachdenklich als schließlich das Signal zum Anschnallen aufblinkt. Landeanflug. Das Gespräch ist abgerissen.

In meinem Kopf hämmern seine Worte „War is my life“.

Ich schaue ihn an wie er mit tiefen dunklen Augen seinen Gedanken nachhängt und versuche zu begreifen.

~ von Annemarie am Juli 27, 2008.

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