Slow is good (Tansania/ Malawi)
Einen luxuriösen Überlandbus versprach uns der hagere Fahrkartenverkäufer am Schalter der überfüllten, hektischen Station von Dar-es-Salam.
„20 Stunden wird die Fahrt dauern“ teilte er meinem Freund James und mir mit, während er uns handschriftlich die Tickets für den kommenden Morgen ausstellte.
Zufrieden meinte er: „Ihr habt die beste Kompanie für diese Fahrt gewählt“ und deutete auf ein an der Wand hängendes Hochglanzplakat des Busses der uns nach Lilongwe, Malawi bringen sollte.
Und tatsächlich überraschte uns am nächsten Morgen, dass die Beschreibung weitgehend stimmte. Nummerierte Polstersitze anstatt harter Holzbänke, auf denen wir eingezwängt den größten Teil unserer bisherigen Strecke, über ungeteerte Straßen, zurückgelegt hatten.
Der unerwartete Komfort gab uns ein Gefühl von Sicherheit, das wir seit unserer Abreise in Johannesburg nicht mehr gehabt hatten.
Erste Panne
Das gleichmäßige Brummen des Busses wiegte uns zur frühen Stunde unserer Abfahrt schnell in den Schlaf und erst um die Mittagszeit weckte uns fehlender Fahrtwind und drückende Hitze.
Wir folgten den anderen Passagieren nach draußen um uns die Beine zu vertreten und gesellten uns zu Jeff, einem kanadischen Student und Steve, einem UN Mitarbeiter, tansanischer Herkunft, deren Bekanntschaft wir am Morgen gemacht hatten.
Steve deutete auf ein Grüppchen Männer, das sich um ein Hinterrad des Busses geschart hatte und klärte uns auf, dass wir nicht gehalten hatten um eine Pause zu machen, sondern weil eine der Federn gerissen war.
„Wie lange das wohl wieder dauern wird“ stöhnte er und blickte auf seine verchromte Armbanduhr. „Die Grenze schließt um 6 Uhr abends“
Busfahrer, Mechaniker und ein paar Schaulustige hatten sich im Halbkreis versammelt und diskutierten laut und mit ausladenden Gesten wie der Schaden wohl am besten zu beheben sei.
Am Anfang verfolgten wir die lebhafte Szene am Rand der staubigen Straße noch belustigt, aber unsere dummen Sprüche vergingen uns schnell, als die Männer sich tatsächlich ans Reparieren machten. Ein Junge der wohl auf die Suche nach Ersatzteilen geschickt worden war, kam mit ein paar brüchigen Seilen zurück, die vom Mechaniker fingerfertig zu einem dickeren zusammengezwirbelt wurden. Improvisierungsfreudig behob er damit den Schaden und erntete Beifall von einem weißbärtigen, schmächtigen Herr, der ihn für seinen Einfallsreichtum lobte.
Ich warf einen zweifelnden Blick in die Runde, aber auf den Gesichtern meiner Mitreisenden zeichnete sich nicht der geringste Funken von Beunruhigung ab.
„Na dann mal auf“ versuchte ich mich zu motivieren, ignorierte das ungute Gefühl und stieg wieder in den Bus, den die Mittagsonne in der Zwischenzeit auf Backofentemperatur erhitzt hatte.
Unterhaltung mit Steve
Lasch saß ich in meinem Sitz und fing zum Zeitvertreib ein Gespräch mit Steve an, das mich schnell aus meiner Trägheit riss und mich mit schockierenden Fakten über Steves Heimatland konfrontierte.
Ich sprach Steve auch auf meine Beobachtungen der vergangenen Wochen an, bei denen mir immer wieder Frauen mit unnatürlich hellen, fleckigen Gesichtern aufgefallen waren. Die unförmigen Schwellungen hatten mich vermuten lassen, dass sie an irgendeiner der unzähligen Krankheiten, die den Kontinent heimsuchen, erkrankt wären
Steve schüttelte mit düsterem Blick den Kopf. „ Nein, das kommt nicht von einer Krankheit“ erklärte er. „ Hellhäutigere Frauen haben bessere Chancen auf dem Heiratsmarkt bestimmter Stämme und deshalb streichen sich diese Mädchen mit einer ätztenden Kräuterpaste ein, die die Haut aufhellt“
„Das schockt dich? Dann denk nur mal über die Beschneidungsriten nach, über die Verweigerung medizinische Ratschläge anzunehmen, über die Stammesfehden, über die Überweidung der Steppe.
„Denk nach über die Poligamie, Zwangshochzeiten und Völkerverteibungen.“ Kein Thema blieb unberührt.
Mein Kopf fing an zu dröhnen, die Bruchstücke die mir Steve zuwarf ließen sich zu keinem einheitlichen Bild formen. Wie sensationalistische Überschriften, derer wir Europäer ihrer Alltäglichkeit wegen schon lange müde sind, wirbelten die Informationsfetzen in meinem Kopf durcheinander. Ungläubig hing ich an den Lippen des ernsten jungen Mannes während er mich immer weiter in die Abgründe Afrikas einweihte und mir von dem Kampf der Hilfsorganisationen gegen Windmühlen erzählte.
Das Gefühl als eine der wenigen Europäer in den vergangenen Wochen einen wirklichen Einblick in den afrikanischen Alltag bekommen zu haben, kam mir auf einmal lächerlich, überzogen vor. Ich begriff, dass ein ganzes Leben nicht ausreichen würde um die Komplexität der zahlreichen Traditionen und Geschichten zu verstehen, dass meine Erfahrungen, durch die Brille der „zivilisierten Welt“ nie mehr sein werden, als ein oberflächliches Kratzen an dem exotischen, faszinierenden und zugleich abstoßenden Land, – die Wiege der Menschheit. Geliebte, gehasste Mutter.
Salomon
Irgendwann kurz vor der Grenze stiegen noch ein paar Passagiere zu. Unter ihnen war ein bunt gekleideter Genosse, der sogleich James` Rastas erspäht hatte und sich zu uns gesellte.
„Ja man…how is it?“
Mit einem Ellbogen stützte er sich auf der Rückenlehne unseres Sitzes ab und blickte durchs Fenster in die vorbeiziehende Landschaft die von der untergehenden Sonne mit warmen Strahlen überzogen wurde. „ Beautiful Beautiful“ kommentierte er und drehte sich wieder zu uns. „Hey sister, hey brother, what’s your names? I’m Salomon.”
„ Nice dreds man“ sagte er anerkennend zu James und griff sich mit einem wehmütigen Ausdruck an die in Rastafarifarben gehäkelte Mütze, die erstaunlich flach auf seinem Kopf saß. „Bruder, die Dreds haben sie mir ihm Knast abrasiert“ bedauerte er. „und all das nur wegen ein paar harmloser Pflänzchen, da wundern die sich über all den Unfrieden. Verrückt Welt, hmm?“ meinte er mit abwesendem Blick ohne wirklich eine Bestätigung von uns zu erwarten.
„ Aber Bro’, Sis’, solange es Leute wie euch und mich gibt ist nicht alles verloren, ich spür die Energie, ihr seid gute Menschen“.
Mit glasigen Augen und bedächtigem Tonfall erklärte er die Welt, trotz all der Armut die ihn umgab, für wunderbar.
„Schaut euch das Lächeln der Kinder an. Solange die afrikanischen Kinder noch lächeln, gibt es Hoffnung“, schloss er seine Überlegung.
Eine Weile nach Sonnenuntergang ereichten wir schließlich die Grenze. „Nahhh, heute geht’s nicht mehr über die weiter“ teilte uns der inzwischen ziemlich mürrisch dreinschauende Busfahrer mit und wies uns an entweder im Bus zu schlafen oder uns eben ein Hotel zu suchen.
Ich ließ meinen Blick suchend über die mit schwachen Straßenlaternen beleuchtete Ansammlung an Hütten gleiten, doch fand nichts was auch nur annähernd nach einer Herberge aussah.
Trotzdem machten wir uns mit Steve und Jeff auf den Weg und fragten die Bewohner der Stadt nach einer Unterkunft. Wir wurden auf ein aus Lehm gebautes Haus am Ende eines schmalen Trampelpfades verwiesen. Die beleibte Frau an der Rezeption führte uns durch den Innenhof, in dem sich ein Pulk Männer vor einem kleinen Fernseher, mit rieseligem Bild versammelt hatte, zu unserem Zimmer.
Träge öffnete sie die Tür.
Auf meine Frage wo ich mich denn frisch machen könnte antwortete sie
„Dort an dem Waschbecken, die Duschen funktioneren nicht“ wies uns aber noch auf den Luxus eines Moskitonetzes hin, dass ihr Hotel großzügig bereitstellte bevor sie sich schlurfend entfernte.
Deutschland vs. Italien
„Ja richtig, es ist ja Fußballweltmeisterschaft. Deutschland gegen Italien“ fiel uns dann ein. So gesellten wir uns schnell zu den Zuschauern im Innenhof, die mit meiner Ankunft größtenteils Position für Deutschland bezogen.
Wir quetschten uns zwischen die Dorfbewohner und stimmten uns bei Bier und Gesang auf das bevorstehende Spiel ein. Mit dem Anpfiff fingen dann auch aufgebrachtes Gejohle und übermütige Zurufe an.
Inmitten dieses Festes hielt ich einen Moment inne und dachte an mein jetzt wohl völlig außer Kontrolle geratenes Heimatland. Schwarz-rot-goldene Fahnen überall. Überhaupt alles, stellte ich mir vor, würde jetzt von diesen Farben dominiert sein. Schwarz-rot-gelbe Kleidung, schwarz-rot-gelb geschminkte Gesichter, schwarz-rot-gelbe Fussnägel und Küchenschürzen.
Überdimensionale Leinwände und vor ihnen eine Tausendschaft an jubelnden und feiernden Menschen. Meine Freunde, meine Familie und bis hin zu meiner Oma, die einen Fussball nicht von einem Luftballon unterscheiden kann, mussten jetzt wohl gebannt vor irgendeinem Fernseher sitzen und unsere Team anfeuern.
Ein Stoß in die Rippen von einem Halbwüchsigen an meiner Seite riss mich wieder aus meinen Gedanken, „Go Germany go!!!“
90 Minuten lang unterstützte die ausgelassene Gruppe meine Mannschaft. Doch in der Verlängerung zwischen dem ersten und dem zweiten Tor Italiens wechselten ein Großteil zum gegnerischen Lager über. Den Grund zum Feiern wollten sie sich nicht nehmen lassen.
An der vernichtenden Niederlage ließen sie mich alleine leiden. So zog ich mich in das kleine stickige Zimmer zurück und rollte mich enttäuscht unter dem Moskitonetz zusammen. Doch die schwüle Luft und das bis in die frühen Morgenstunden anhaltende Johlen ließen mich lange nicht zu Ruhe kommen. Rastlos wälzte ich mich von einer Seite auf die andere bis ich schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel.
Weg durchs Niemandsland
Am folgenden Morgen riss Steve James und mich mit einem lauten Klopfen gegen unsere primitiv zusammen gezimmerte Tür aus dem Schlaf.
„ Der Bus ist weg! Macht dass ihr in die Socken kommt, damit wir ihn auf der anderen Seite der Grenze noch einholen!“, rief er uns durch den Spalt zweier Bretter zu.
Im Eiltempo packten wir unsere wenigen Habseligkeiten zusammen und schlugen den Staub vom Vortag aus den Kleidern, um Steve und Jeff zu folgen.
Zu Fuß verließen wir Tansania und befanden uns eine ganze Weile im Grenzstreifen bevor das malawische Zollgebäude in Sicht kam.
Die Straße, die uns von Tansania nach Malawi führte, war von armseligen Wellblechhütten gesäumt, bewohnt von Menschen, deren Heimat durch die willkürliche Grenzziehung irgendeines Bürokraten zum Niemandsland erklärt worden war.
Bunt gekleideten Frauen wuschen dort Kleidung in einem milchigem Gewässer oder gingen ihrer Arbeit in den bescheidenen Gemüsegärtchen nach, während viele der Männer versuchten, die Passanten zu einem Geschäft zu bewegen. Mit allem wurde gehandelt und Geld war bei weitem nicht die wertvollste Devise.
Hühner gegen Saatgut, Esel gegen Kofferradios und ein paar ausgetretene Schuhe gegen ein verblichenes Hemd. Da wir weder viel Bargeld, noch sonstige Dinge auf die wir verzichten hätten können übrig hatten, mussten wir die Hoffnung der geschäftstüchtigen Burschen, die uns sogar eine Rolex versprochen hatten, enttäuschen.
Auf der anderen Seite der Grenze angekommen, atmeten wir erstmal auf. Der Bus war noch da. Die Gepäckstücke lagen um ihn herum verteilt, um von den Grenzbeamten inspiziert zu werden.
In dem stickigen Immigrationsgebäude machten wir uns, mit einer gewissen Routine, daran die Einreisanträge auszufüllen und stellten uns in der Schlange an, um unsere Stempel abzuholen.
Als ich ans Fenster eines Schalters trat blickte der Beamte lustlos auf und verlangte geübt durch ein kleines Sprechkläppchen:
„Weisen sie bitte genug finanzielle Mittel vor, Kreditkarten, Bares, was auch immer sie mit sich führen“
Ich griff in meine Tasche und auf einmal durchfuhr mich der Schreck. Meine Karte war nicht mehr da. Mir wurde siedend heiß. Hektisch fing ich an in den absurdesten Winkel meines Gepäcks zu kramen, bis mich der stiernackige Beamte unfreundlich anfuhr „Ja was denn jetzt junge Dame, ohne Geld kann ich sie hier nicht reinlassen!“
Ich war den Tränen nah, als James, der am Schalter neben mir gerade die Formalitäten abgeschlossen hatte, zu Hilfe kam.
„Sir, das Mädchen gehört zu mir, wir reisen gemeinsam.“
„Und sie haben Geld?“
„Ja ihr Kollege hat das gerade überprüft, ich zeige ihnen gerne noch mal meine Kreditkarte!“
Der Grenzbeamte warf seinem Kollegen einen fragenden Blick zu. Mein Herz raste und ich meinte meine Gedanken ständen auf meiner Stirn geschrieben. James Kreditkarte taugte nicht, sie war neu, noch immer wartete er auf die Email mit dem Pincode von seiner Bank. Ein weiteres Mal schaute mir der Beamte prüfend in die Augen. Nach dem Nicken seines Kollegen stempelte er dann letztendlich doch meinen Reisepass ab. Aufatmen konnte ich aber nicht.
Ich versuchte die wild durcheinander fliegenden Bilder in meinem Kopf zu ordnen, gedanklich den Ort zu finden wo ich die Karten zum letzten Mal gesehen hatte und die einzige Hoffnung die mir blieb war, dass die Karten noch in der Herberge lägen.
Steve der das ganze Szenario mitverfolgt hatte bot mir mitfühlend an. „Ich begleite dich noch mal zurück nach Tansania um im Hotel nach zu fragen wenn du möchtest“. Dankend nahm ich sein Angebot an, doch bei unserer Ankunft verneinte die müde Wirtin mit einem hilflosen Schulterzucken und mitleidigem Blick. „ Was ist denn so wichtig an den Plastikdingern?“ wollte sie wissen.
Verdrossen und stumm lief ich an Steves Seite zurück, ignorierte die erneuten Versuche der fleißigen Burschen, deren Bekanntschaft wir bei der letzten Grenzüberquerung gemacht hatten.
Steve versicherte einem Halbwüchsigen „Nein die Rolex ist nicht der Grund, warum wir nochmal zurück gekommen sind“ und warf mir einen amüsierten Blick zu. Doch meine Gedanken waren wo anders.
Mit hängendem Kopf überbrachte ich James die Hiobsbotschaft. Gerne hätte ich doch ob meiner dummen Unachtsamkeit eine positive Antwort auf seinen fragenden Blick bei meiner Rückkehr gehabt.
Ein Tag an der Grenze
Warten. Warten. Wir konnten nichts weiter machen als zu warten. Weit und breit war kein Telefon oder Internetcafé, um die Karten sperren zu lassen und es sah nicht so aus als wenn der Bus bald abfahrtsbereit wäre.
Unruhig lief ich vor dem Kontrollposten auf und ab, zerbrach mir den Kopf über die Situation; ohne Geld, mit wenigen Nahrungsmitteln und mit der beunruhigenden Vorstellung, irgendein Dorfbewohner könnte jetzt fröhlich mit meiner Karte in der nächst größeren Stadt durch die Läden ziehen.
Entnervt warf ich von Zeit zu Zeit einen Blick zu den Gepäckstücken, nur um festzustellen, dass sich nicht viel getan hatte. Gerade hatten sich die Beamten gemächlich im Schatten eines Baumes niedergelassen hatten um Mittag zu essen.
Irgendwann, als ich ungefähr zum zehnten Mal an den Steve, Jeff und James vorbeigetigert bin, erhob sich Jeff und legte seine Hand auf meine Schulter.
„Relax, setz dich zu uns…Lust auf ne Runde Schach?“ und ehe ich antworten konnte packte er auch schon das Miniaturspiel mit Magnetfigürchen aus und seine Augen blickte mich unter seinem blonden Wuschelschopf herausfordernd an.
„Ja, was soll’s, gibt eh nichts Besseres zu tun“ erwiderte ich resigniert und setzte mich auf seinen mit unzähligen Länderflaggen bestückten Rucksack, den er mir als Sitzplatz zugeschoben hatte.
Jeff, der sich in seiner Rolle als Weltenbummler offenbar sehr gefiel, hatte einen Hang zum Monolog und gab die abenteuerlichsten Reisegeschichten zum Besten.
Mit großen Augen hörte ich ihm zu und fühlte mich wie ein dummes, unerfahrenes Ding, – unvorbereitet und arglos in die große Welt gestolpert. Ich schämte mich ein bisschen, so den Kopf verloren zu haben. Das unerschütterliche Vertrauen, dass Jeff an den Tag legte, überzeugt davon, dass es für alles irgendwie immer eine Lösung gab färbte mit jeder weiteren Geschichte ein bisschen mehr auf mich ab. Springer auf C6.Fahrten im bolivianischen Dschungel, voll gestopfte Busse im ecuadorianischen Hochland, Läufer auf E5, so wie Überfälle in Costa Rica. Alles hatte ein gutes Ende für ihn genommen und er schien auch nicht weiter besorgt über den schrottreifen Bus und die Verspätung, die sich inzwischen auf einen vollen Tag belief. Schach Matt. Meine Konzentration aufs Spiel war beim Lauschen der spannenden Geschichten komplett ins Hintertreffen geraten.
Ein bisschen Neid mischte sich in meine Bewunderung als ich dem unbeschwerten Kanadier zuhörte, der mit seinen schlaksigen Armen gestikulierte als wollte er seine Erinnerung umarmen, dessen Augen abwesend leuchteten wenn er in tief in seine Geschichte eintauchte. Sein Repertoire an Erlebtem schien unerschöpflich.
Ich wollte mich auch so fühlen, so empfinden wie er, gelassen, ruhig, als wäre ich überall in der Welt Zuhause und als könnte nichts meine Grundfeste erschüttern.
„Mein Magen knurrt“ zerstörte Steve plötzlich unerwartet den Bann und die anderen beiden meiner Reisegefährten nickten zustimmend „Ja es ist Zeit was zu essen“
Pasta mit Fertigsoße hatten James und ich anzubieten während Jeff und Steve irgendwo ein paar Stückchen ledrigen Ziegenfleisches ergatterten um damit das Mahl zu bereichern.
Im Schneidersitz saßen wir kurze Zeit später im Kreis um den Campingkocher und warteten darauf, dass die kleine Flamme die Nudeln durchkochen würde. Uns lief das Wasser im Mund zusammen. Deutlich bemerkbar machte sich nun, dass wir schon einen guten Tag nichts mehr in den Magen bekommen hatten und kaum dass das Essen fertig war, machten wir uns heißhungrig über die fade Pasta und das trockenen Ziegenfleisch her. Als wäre es ein Gourmetmahl, ließen wir nicht den kleinsten Klecks Soße zurück.
„Ja man, how are you people doing?“ gesellte sich nun Salomon wieder zu uns. „Gerade habe ich einen Jungen losgeschickt, damit der eine Schraube besorgt um den Bus zu reparieren“
„Wie reparieren, schon wieder was kaputt?“
„Ja aber mach dir keine Sorgen, ich bin jetzt für die Reparatur zuständig, in zwei Stunden geht’s weiter“ versuchte Salomon mich zu erheitern. „Solang zeig ich euch mal Bilder von meiner Pflänzchen.“
Salomon kramte eine Menge verblichener Fotografien aus seinem löchrigen Seemannssack und kümmerte sich wenig um das ihm aufgetragene Amt des Mechanikers. Aber wenigstens verkürzte uns seine Gesellschaft die Wartezeit. Stolz zeigte er uns Porträtbilder seines prächtigsten Ganjas.
„He causeth the grass for the cattle and the herb for the men!“ zitierte er mit einem hallendem Lachen den Psalm.
„Yeah brother, psalm 104: 14“, genau in diesem Moment gesellten sich zwei weitere Rastafaris zu Salomon und uns und es gab eine übermütiges Wiedersehen zwischen den Gefährten.
Dem älteren reichten die mit silbergrauen Strähne durchzogenen Rastas bis an die Hüften und er gab seine Geschichte der Grenzüberquerung zum Besten. Wie immer meinte er hätten diese Sklaven des Gesetzes ihn bis auf die Knochen durchsucht. Das Adrenlin der gerade überstandenen Gefahr beschwingte in. „Haha bis auf die Knochen“ . Wie Adam stand ich da vor ihnen. „Wisst ihr, übrigens mein Name ist auch Adam“ alberte er. „Und Adam ist schlau“. Stolz auf seine List weihte er uns in das Geheimnis ein und zeigte uns den kunstvoll vernähten Schal in Schottenmuster, der ein Geheimfach hatte. „My friends, schmuggeln tue ich ja nicht, würde ich nie tun, aber so ein paar Köspchen braucht der Mensch doch bei sich, meint ihr nicht?“ Der andere, der seine Haare unter einer riesigen ballonförmigen Mütze gebannt hatte bestätigte zur Freude Adams. Gewichtige Pausen fügte der Alte in seine Geschichte ein um ihr an Wichtigkeit zu verleihen und Momente des Einverständnisses mit seinem stets stillen und froh nickenden Reisegefährten zu teilen. Warm lachte dieser mit seinem lückenhaften Gebiss und bestätigte, dass sie ja keineswegs Kriminelle wären.
Bald danach verabschiedeten sich die Beiden wieder aber nicht ohne sich noch mal umzudrehen und uns froh winkend ein „Jah bless you“ zuzurufen.
Zwischenzeitlich kündigte die tief am Himmel stehende Sonne auch das Ende des Tages an und Salomon beschloss sich wieder den Reparaturarbeiten zu widmen, während wir uns einer Gruppe anschlossen, um in einer nahe gelegenen Spelunke das Frankreich Portugalspiel mitzuverfolgen. Viele Emotionen brachte ich nicht mehr für das Spiel auf. Die Stimmung in der schräg zusammen gezimmerten Schenke gefiel mir nicht, die Männer waren angetrunken und die wenigen Frauen die sich dort aufhielten grell geschminkt und lachten für mein Geschmack viel zu schallend über die einfallslosen Sprüche der Herren.
Erleichtert vernahm ich die Nachricht über das Ende der Reparaturarbeiten und ohne auf meine Freunde zu warten eilte ich zum Bus, innerlich jauchzend bald endlich wieder vom Fleck kommen zu können.
Weiterfahrt
Schnell verging mir aber der Jubel über die Weiterfahrt als ich in den Bus eingestiegen war.
In Malawi gab es offenbar keine Bestimmungen mehr, wie viel Fracht zusätzlich zu den Passagieren mitgenommen werden durfte, so dass während unserer Abwesenheit der Bus in einen Cargotransporter umfunktioniert worden war.
Freudig rieb sich der Fahrer die Hände über das Extrageschäft, während wir uns über Bohnensäcke und Fischernetze zu unseren Plätzen vorkämpften. Für unsere Rucksäcke war kaum noch Platz, so dass sie kurz vor dem Ausgang im Gang deponiert wurden. Die letzten Hürden auf dem Weg nach draußen über die jeder der Passagiere beim Ein- oder Aussteigen klettern musste.
Mit einem bitterem Lächeln dachte ich an die Versprechungen des Fahrkartenverkäufers zurück und versucht mir Platz zu schaffen, um mich hinsetzten zu können.
Von den Afrikanern hatte ich mir abgeschaut, die Situation schweigend hinzunehmen und so reichte ein kurzer verdrossener Blickwechsel mit James aus, um die Situation zu kommentieren.
Teilnahmelos schloss ich bald die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf. Ich träumte konfus, fand mich von Speerkämpfern umzingelt wieder, verfolgt, eingekreist. Als ich eine Weile später unsanft von einer mit Schlaglöchern durchsiebten Straße wieder wachgerüttelt wurde, stockte mein Herz.
Unheimlich schwarze Silhouetten, weiße, scheue Augen. Was war Realität? Was Traum?
Ich machte James Umrisse aus, der nun beruhigend seinen Arm um mich legte. Während ich schlief hatte der Busfahrer wohl noch irgendwo im kargen Busch ein gutes Dutzend weitere Passagiere aufgesammelt hatte, die sich nun auf den Arm- und Rückenlehnen Sitzplätze und Stützen suchten.
Einem schlaksigen Jungen fielen an James’ Seite wiederholt die Augen zu, doch jedes Mal wenn ihm der Kopf wegnickte, schreckte er wieder hoch und blickte verängstigt um sich, als begriff er nicht ganz wo er sich gerade befand.
Die Passagiere waren weder der Landessprache noch des Englischen mächtig, so dass nicht viel über ihr Schicksal in Erfahrung zu bringen war.
Somalische Flüchtlinge, die versuchten nach Südafrika, Durban zu gelangen.
Doch ihre Gesichter, ihre zusammengesackten Körper erzählten den Rest. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, als ich mir ausmalte was sie wohl erlebt hatten.
Lethargisch, mit leeren Augen starrten die Somalier, die auf ihren schmalen Plätzen keine Ruhe finden konnten, in die Dunkelheit. Unbehagliche Stille. Eine eigenartige Mischung aus Misstrauen und Neugier der Landesansässigen gegenüber den Flüchtlingen lag in der Luft. Gespannte Gemüter.
Auf einmal hörten wir einen schrillen Pfiff und unser Busfahrer bremste scharf. Uniformierte, mit geschulterten Gewehren blockierten die Straße und kurz darauf kämpften sich Grenzbeamte durch die Enge, über unsere Rucksäcke, und fragten nach Ausweisen und Reisepässen.
Vielsagende Blicke wurden unter den Passagieren gewechselt. Wir befürchteten schon Zeugen einer unschönen Szene zu werden und der Verhaftung der „Illegalen“ beiwohnen zu müssen, doch die Kontrolleure ließen sie ohne großen Aufhebens in ihrer Überprüfung einfach aus.
Nachdem Verschwinden der Uniformierten breitete sich hinter vorgehobener Hand schnell Gerüchte über Bestechung und Korruption aus.
„Genauso wahrscheinlich“ erklärte uns Steve „ist aber auch, dass die Zöllner über den Zielort der Somalier Bescheid wissen und sie lieber durchreisen lassen, anstatt sich mit dem Papierkrieg und den Formalitäten einer Verhaftung auseinander zu setzten.“
„Herzlich willkommen in Afrika“, fügte er mit einem Anflug von Sarkasmus hinzu.
Zur Ruhe kamen wir in dieser Nacht nicht mehr. Kurz nach diesem Vorfall blieben wir am Fuß eines steilen Berges stehen. Fluchend versuchte der Busfahrer im ersten Gang den Bus wieder in Bewegung zu bringen, doch außer einem Aufheulen des Motors und einem qualmenden Auspuff erreichte er nichts. Nach einigen Schimpfkanonaden, die uns ansatzweise von einem gequält-feixendem Steve übersetzt wurden, sah der Chauffeur die Aussichtlosigkeit der Lage ein, drehte sich zu uns Passagieren und herrschte uns an: „na los, los, raus aus dem Bus. Mit euch fetten Faulenzern kommen wir nie den Berg hoch!“
Entsetzt blickte ich James an, bevor wir uns, wie es der Rest der Reisenden vormachte, schweigend den Umständen fügten.
Der afrikanische Busch warf im silbernen Mondlicht unheimliche Schatten. Angespannt lauschte ich der nächtlichen Geräuschkulisse, während ich versuchte mit den zähen Afrikanern Schritt zu halten. Jedes Knacken im Gezweig, das sich vom einheitlich Zirpen der Grillen und schaurigen Vogelschreien abhob, ließ mein Herz angstvoll höher schlagen. Instinktiv griff ich nach James Hand. Hin und wieder blitzten ein paar leuchtende Reflexe im Geäst auf. „Nein, jetzt fängst du an zu spinnen, das ist pure Einbildung“ versuchte ich meine Beobachtung als Streich meiner müden Augen abzutun. Dennoch beschleunigte ich noch einmal den Schritt, um Sicherheit in der Mitte der gespenstig stillen Gruppe zu suchen.
Und dann endlich erblickte ich hinter einer Biegung die Kuppe des dunklen Berges und die Silhouette des Busses, der dort auf uns wartete. Ich atmete auf.
Nachdem wir wieder im Bus saßen, konnte mich noch nicht einmal mehr Jeffs Bemerkung über die abschüssige Straße und schlechte Bremsen beunruhigen. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass sich diese Busfahrt noch weiter ins Negative steigern würde.
Und tatsächlich kam Hoffnung in uns auf, als uns der Busfahrer am Mittag des Folgetages –ohne das es weitere Probleme gegeben hatte- mittelte, dass wir Lilongwe in zwei Stunden erreichen würden.
Die Stimmung hob sich und um mich herum fingen die Leute an gelöst zu plaudern, sich über ihre Pläne und Reisegründe auszutauschen.
Auch James und ich ließen uns von der Entspannung anstecken und fingen an die Landschaft um uns herum zu kommentieren, begeistert von der Erkenntnis was für außergewöhnliche Erfahrungen wir bisher hatten sammeln dürfen.
Doch plötzlich! Ein lauter Knall! Entsetzte Schreie! Gepäckstücke fliegen durcheinander! Der Bus kommt ins Schleudern, schlingert unkontrolliert. Gewinnt aufgrund eines Gefälles sogar an Fahrt.
Mein Herz scheint stehen zu bleiben und es sind Sekunden in denen sich slapstickartig vor meinen Augen Bilder abspielen. Klar und deutlich sehe ich die Gesichter meiner Eltern, meiner besten Freunde, unwissend, arglos im sicheren Deutschland während ich mir mein Ende als junges Mädchen in einem verunglückten Bus in der Wildnis Afrikas zu finden sicher war.
Ewigkeiten schienen vergangen zu sein, als der Bus schließlich doch in Schräglage an einem Hang zum Stehen kam. Unbeweglich saß ich auf meinen Platz, – geschockt, ohne einen klaren Gedanken.
Ich versuchte das soeben Erlebte zu rekapitulieren, meinen Geist in Zeit und Geschehen zu platzieren. Schließlich gelang es mir, mich aus der Leere, die sich in meinen Kopf gedrängt hatte zu befreien.
Ich nahm meine Umgebung wieder wahr, die grelle Sonne, Schweißgeruch, das erregte Stimmengewirr der Leute, die sich nun nach draußen durchkämpften.
Wir folgten ihnen und der Reihe nach begutachteten wir den Schaden. Der Reifen vorne rechts war buchstäblich explodiert. Außer ein paar qualmenden Fetzen war nichts mehr übrig und niemand wusste so recht was passiert war.
Zum ersten Mal fiel mir hier auf, dass unser Bus die ganze Zeit hindurch wohl nur mit sechs anstatt der vorgeschriebenen 8 Rädern gefahren war, so dass jetzt nur noch 5 übrig blieben.
Fassungslos verfolgte ich die Reparaturarbeiten der Männer, die relativ unbekümmert einen der mittleren Reifen abmontierten, um den unabdingbaren Vorderreifen zu ersetzten.
Ich suchte gedanklich nach einer Möglichkeit, wie wir auf irgendeine andere Weise unsere Reise fortsetzen konnte, aber die Einsicht, dass an dieser verlassen Straße vielleicht erst in ein paar Tagen das nächste Auto vorbeikommen würde, erstickte eine solche Überlegung im Keim.
Hilflos gesellte ich mich zu unseren Mitreisenden, die mal wieder schwiegen und geduldig warteten. Ich fragte den Mechaniker wie lange es denn bis zur Weiterfahrt dauern würde und lächelte resigniert als er mir antwortete „No hurry, Ma’am, slow is good, slow is good,- slow is Africa“.

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