Grand Canyon (Arizona, USA)
Zuerst wenn du unten an der Weggabelung des Tontotrails stehst und mit den Augen die ausgefransten Felsen nach dem Pfad absuchst, kommt in dir der Wunsch auf, den anderen Weg zu wählen, den der kilometerweit durch die steppenartige Zwischenebene über dem eingepferchten Colorado River verläuft, – der Pfad, dem du mit gemächlichem Schritte, noch eine Weile folgen könntest.
Das Bild beim Blick nach oben dagegen spricht für sich. Die nackten Felsen und die zu ihren Füßen liegenden Geröllhalden bauen sich vor dir auf und du hast das Gefühl in ihren mächtigen Schatten unterzugehen. Die grelle Morgensonne, die noch hinter ihnen steht, blendet dich mit ihren Strahlen, sodass du den Blick schnell wieder abwendest und ihn sehnsüchtig entlang der gewundenen Einkerbung des Flusslaufs wandern lässt, die eine einfache, schöne Wanderung verspricht.
Genug der Träumereien. Der Plan muss befolgt werden und so geht es nach einer kurzen Stärkung ( Müsliriegel Nr. 19) doch los in Richtung Gipfel.
Der Weg führt erst eine ganze Weile im lang gezogenen Zick Zack durch die Ausläufer und den Schutt der abgebrochenen Teile des Massivs nach oben.
Nach der letzten Wendung folgen deine Augen dem Pfad, der direkt in den Schlund des Berges zu führen scheint. Du kannst nicht ausmachen, wo in den zerklüfteten, abgetragenen Felsen ein Weiterkommen sein soll. Die Karte verrät, dass sich das bevorstehende Stück Kathedralenstufen nennt und genau dort beginnt, wo Felsen und Pfad aufeinander stoßen.
Auf gen Himmel! Auf geheimnisvolle Weise versteckt sich doch ein gewundenes Wegchen in den Furchen des roten Steines.
Du findest dich wieder von Felsen umgeben und die freie Sicht ist nur nach oben in den mit flockigen Wolken bestückten Himmel und durch einen Spalt in die Ferne auf die Felsformationen des Canyons gewährt,- es erinnert an Deckenmalereien und vom Sonnenlicht belebte Kirchenfenster. Keine Menschenhand könnte eine gotteswürdigere Kirche bauen.
Der raue Canyon schenkt dir Geborgenheit und Hochgefühl. Das Gehen wird zur Meditation, die das Denken vom Sein ablöst und du fühlst, dass du angekommen bist, angekommen in einem jener kostbaren Momente, in dem du die Gegenwart lebst.
Für mich sollte die Einheit Natur-Mensch aber in einer Herausforderung enden. Je weiter wir uns durch das unwegsame Gelände nach oben bewegten umso schwieriger wurde es. Eis und heruntergefallene Felsbrocken erschwerten den Weg und der Blick auf einen bewachsenen Schattenhang zu dessen Linken sich bedrohliche überhängende Felsen auftürmten und zu dessen Rechten sich ein Abgrund mindestens zweihundert Meter ins Tal hinabbohrte ließen mein Herz angstvoll schlagen.
Führte unser Weg wirklich über diesen lang gezogenen Hang? Wir konnten in dem Gestrüpp und den Steinbrocken keinen begehbaren Pfad entdecken. Und tatsächlich wiesen auch nur einige ausgemuldete Flächen und von umsichtigen Wanderern aufgebeugte Steintürmchen den Weg. Angst und Erschöpfung waren meine unermüdlichen Gegner, aber auf wundersame Weise entwickelte mein Geist und Körper in dieser Extremsituation bisher ungekannte Stärke.
Erbarmungslos wurden diese aber bis ans Äußerste getrieben, denn mit jedem Meter, den wir oberhalb der Schneegrenze zurücklegten, wurde die weiße Decke dichter und höher, bis wir schließlich kniehoch darin versanken.
Die Schönheit des Canyons verschwand vor meinen starr auf den Boden gerichteten Augen und erst als der Schnee von einem Schatten überworfen wurde, blickte ich wieder auf und sah wie sich eine schwarze Wolkenwand vom andern Ufer des Colorado hin zu unserem Seitental schob.
Die Wolken, die die Felsen in bläuliches Licht tauchten, boten mir ein schaurig-schönes Bild. Doch der Gedanke daran, dass wir von nun an nicht nur gegen den Berg sondern auch gegen die Zeit zu kämpfen hatten, schreckte mich aus meiner Betrachtung, löste mich von der dunklen Anziehungskraft die die nahende Bedrohung auf mich auswirkte.
Von jetzt an diktierten die Umstände und nicht mehr die Motivation unsere Geschwindigkeit.
Rastlos, Schritt für Schritt, versuchten wir das Wettrennen gegen den Wind zu gewinnen.
Wortlos nahmen wir die ersten sanften Flocken als Vorboten unserer Niederlage hin, doch der
Sieg war nicht mehr bedeutend, wichtig war nur noch das Erreichen der Ziellinie.
Ein Wegweiser! Leben schien zurück in unserer erschöpften Körper zu kommen und wir beschleunigten den Schritt um ihn lesen zu können. Hermit’s Rest, endlich sahen wir wieder Fußspuren. Eine letzte Hügelkuppe. Euphorie beschwingte uns während der letzten paar Minuten.
„Wartet auf uns, wartet auf uns!“, schrieen wir in der Hoffnung Touristen an dem Aussichtspunkt anzutreffen, die uns ins 12 Kilometer entfernte Grand Canyon Village mitnehmen könnten.
Und tatsächlich, eine Rangerin und zwei Herren, die Verursacher der kraftspendenden Fußabdrücke bildeten unser Empfangskomitee.
Stolz und Erleichterung und die anerkennenden Gesichter, die uns begrüßten, ließen den Moment auf der kleinen Kuppe im eisigen Schneegestöber zu einem der glücklichsten meines bisherigen Lebens werden. Für immer hat sich der letzte Ausblick auf den in Schnee gehüllten Großen Canyon in meine Erinnerung gebrannt.
„Ich habe deine Prüfung bestanden Meister“ flüsterte ich dem Canyon zu bevor ich mich lächelnd abwandte.

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